Samstag, 04. Februar 2012
 


Die Zukunft im Blick – das kann angesichts des Körjahrgangs 2009 ein Leichtes sein. Die Qualität der Junghengste überzeugte und entsprechend stimmungsvoll feierten Gäste und Aussteller, Veranstalter und zahllose Helfer den 47. Internationalen Trakehner Hengstmarkt vom 22.-25. Oktober 2009 in den gut besuchten Holstenhallen Neumünster.

 
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, und die Trakehner zelebrieren die im kommenden Jahr anstehenden Weltreiterspiele bereits elf Monate vor ‚Anpfiff‘ mit einem überragenden Siegerhengst, der den Namen des legendären Pferde-Mekka im Herzen der USA trägt: KENTUCKY heißt der Auserwählte des Körjahrgangs 2009. Die Blutführung des Braunen hatte im Katalog schon für Interesse gesorgt, der Halbblüter Donaufischer in Anpaarung mit der Ausnahmestute Kaiserin von Lehndorff’s fiel positiv auf – um wenige Tage vor dem Hengstmarkt mit einer Korrektur für Schlagzeilen zu sorgen: Die DNA-Probe wies nicht Donaufischer, sondern dessen Sommerlader Boxennachbar Donaufels v. Hohenstein als Vater aus.

Der Qualität des Sohnes tat das keinen Abbruch. „Ein Beschäler von ganz großer Gesamtbedeutung“, schwärmte Zuchtleiter Lars Gehrmann. „Er ist in der Bewegung in der Lage über sich selbst hinauszuwachsen.“ Stets im Gleichgewicht, immer durch den Körper und souverän in der Selbstdarstellung federte Kentucky an der Hand von Helmar Bescht zum Sieg. Seine Geschichte ist fast so dramatisch wie die seines ebenfalls gekörten Stallnachbarn KANDELUS. Die beiden sind die ersten gekörten Hengst von Herbert-Stefan Schümann, der die gleichermaßen hochkarätige wie mit liebevoller Sorgfalt gepflegte Zucht seines Vaters Herbert Schümann und seiner Schwester Sylvia Schümann vor einigen Jahren übernommen hat. Die Pr.u.St.Pr.St. Kaiserin v. Lehndorff’s, von Sylvia Schümann gezogen, war einst mit dem Namen Kaiserweiß teuerstes Auktionsfohlen in Neumünster und kam von Claudia Post-Schultzke später in den Besitz des Gestüts Sommerlade. Dort wurde die ‚verwechselte‘ Anpaarung vorgenommen, Stute und Saugfohlen aber kaufte Herbert-Stefan Schümann zu Beginn der Auflösung des Gestüts Sommerlade zurück.

Aus traurigem Anlass: St.Pr., Pr.u.E.St. Kandela, strahlender Mittelpunkt des Gestüts an der Rabenau in Kirchhain, war kurz nach dem Abfohlen  tragisch an Kolik eingegangen, Gestütsmitarbeiter und Besitzer waren nahezu untröstlich, das kleine Hengstfohlen von Kaiserkult TSF wurde Flaschenkind. „Wäre Kaiserin in dieser Situation nicht zu uns zurückgekommen, hätte ich vielleicht mit der ganzen Zucht aufgehört“, gibt Schümann, für den dieses Hengstmarktwochenende sicher einer emotionalen Achterbahnfahrt glich, zu. Nun weiß er seinen Siegerhengst in besten fördernden Händen auf dem Gestüt Wiesenhof – wo der schöne Dunkelbraune wohl die schmerzhafte Lücke des vor kurzem tragisch verunglückten Monteverdi TSF füllen darf.  Kandelus, das Flaschenkind, reiste seinerseits als gekörter Hengst vorerst zurück in seinen Heimatstall.

Von überragender Qualität auch das Quintett der in Exterieur und Veranlagungsschwerpunkten ganz verschiedenen Prämienhengste. Als Väter debütierten Imperio und Hirtentanz mit Aufsehen erregenden prämierten Söhnen: LEGRETTO tat es seinem Vater Imperio, dem Reservesieger 2005, fast gleich und verließ nach vier anstrengenden Körtagen als 2. Reservesieger die Halle. „Jederzeit im Gleichgewicht, ist er ein Dressurtyp höchster Qualität“, lautete das Urteil der Körkommission, die zudem die durchdachte Blutkombination mit dem Grand Prix-Heroen Friedensfürst auf der Mutterseite lobte. Die ‚Besitzergemeinschaft Bundesturnier‘ hatte das von Simone Lindemeier-Trippel gezogene Hengstfohlen vor zwei Jahren erworben. Die Herren hatten damals den Plan gefasst, gemeinsam ein Fohlen zu kaufen, es aufzuziehen und möglichst zum Hengstmarkt zu bringen – ein gefeierter Reservesieger übertraf dieses ambitionierte Ziel noch um Längen.

Auch Legrettos Halbbruder HEUBERGER, ein blutgeprägter Enkel des Michelangelo, der in seinem traditionsreichen Zuhause, dem Gestüt Webelsgrund bleiben wird, erhielt die Prämie. Bewegungsmechanik mit stets aktivem Hinterbein wie auch die Einstellung des aus bewährter Webelsgrunder Stammfamilie der Hymne gezogenen Beaus begeisterten bei jedem Auftritt. Beide Imperio-Söhne überzeugten als ungemein bewegungsstarke, langbeinige und hoch elegante Sportler in spe, mit denen man sich ein Wiedersehen auf dem Großen Viereck jetzt schon wünscht.
Vom ersten Auftritt an eines der besten Pferde der Kollektion war sicher auch der erste gekörte Sohn des Hirtentanz: ABENDTANZ erwies sich alles Alleskönner.

Taktsicher und korrekt auf dem Pflaster, am Sprung mit Übersicht, Vorsicht und dem Vermögen des Vaters – und der Mutter, der St.Pr., Pr.u.E.St. Amazing – ausgestattet, im Trab und Galopp stets im Gleichgewicht, energisch mit aktivem Hinterbein und dabei konzentriert und dem Menschen zugewandt mitarbeitend … dass Burkhard Wahler dieses besondere Pferd mit deutlicher Doppelveranlagung für seinen Klosterhof behielt, dürfte kaum verwundert haben. Entdeckt hatte er den Rapphengst aus der Zucht von Heinrich Behr, Buchholz, bei der Fohlenauktion beim Trakehner Bundesturnier in Hannover vor zwei Jahren.

Auch das Gestüt Hämelschenburg hatte einen Star für morgen mitgebracht, den Beate Langels nicht aus der Hand gab: Kostolanys ungemein charmanter Sohn SAINT CYR eroberte die Holstenhallen in der Spitzenriege. Der Sohn der St.Pr., Pr.u.E.St. Schwalbenspiel v. Exclusiv ist mütterlicher Halbbruder des Siegerhengstes Songline und des Prämienhengstes Shavalou und federte sich mit drei überdurchschnittlich guten Grundgangarten in alle Herzen. „Ein Kostolany nach Maß“ – das ist im ‚Jahr des Kostolany‘ höchste Auszeichnung der Körkommission.
Dem Hengst des Jahres 2009 schien ein Sohn im Prämienlot allerdings noch nicht genug. Mit seinem Enkel ALL INCLUSIVE v. Gribaldi schickte er ein Ausnahmepferd aus der Zucht von Dagmar Spille, Stadland/ Seefeld in den Ring, dem die Herzen der Hengstmarktbesucher nur so zuflogen. Der größte Hengst des Jahrgangs, in seltener, wunderschöner Dunkelfuchsfarbe, zeigte sich mit kraftvoller Leichtfüßigkeit und sportlichem Habitus der seinesgleichen sucht.

Zum Körjahrgang
59 der 63 angenommenen Junghengste traten in Neumünster vor die Körkommission. Die handelte sich, wie die zahlreichen Zuschauer auch, am Donnerstagnachmittag kalte Füße und Ohren ein, denn bei schneidendem Wind und dunkelgrauem Himmel hieß es bei der Pflastermusterung Stehvermögen zeigen. Für Pferdeleute kein Problem, wie die Zuschauerzahlen schon bei diesem ersten Programmpunkt bewiesen. Die Qualität der Hufe, von der Körkommission in diesem Jahr ausdrücklich gelobt, kam hier ebenso unter die Lupe wie das Exterieur und die Korrektheit des Ganges im Schritt und Trab.

Quantitativ geringer vertreten als in den Vorjahren waren die Halbblüter; von vier angenommenen Hengsten traten drei an. Von diesen wurden allerdings zwei gekört: OSIANDER, ein Sohn des Lauries Crusador xx, mit einer Mutter von Hohenstein ein dreiviertel Bruder der Hengste Krokant und Karamell, zeigte sich von Anfang an als klarer Körkandidat und bescherte seinem Züchter Ralph Vogel, Radegast, den Dr. Eberhard-von-Velsen-Gedächtnispreis des Trakehner Fördervereins für den gekörten Hengst mit dem höchsten Blutanteil. In der seltenen, besonders auffallenden Porcellan-Scheckfarbe kam der vielseitig veranlagte CONNOR MCLEOD aus der Zucht von Erwin Kirchen daher. Sein Vater Tatanga xx vermochte trotz recht geringen Zuchteinsatzes  in diesem Jahrgang zwei Köranwärter zu stellen. Die Farbe ins Spiel brachte mit Mutter Carisma eine rechte Schwester des gekörten Camaro.

Das Freispringen, auch in diesem Jahr unter der bewährten Leitung von Harm Sievers und seinem Team, bot ansprechende Bilder mit Ausreißern nach oben, aber nicht nach unten. Sprich: auch die Vertreter reiner Dressurgene absolvierten willig und motiviert ihre Auftritte in der Springgasse. Übersicht, Mut und das Geschick im Umgang mit dem eigenen Körper sind schließlich auch für die künftigen Väter von Viereckakrobaten unverzichtbar. Dass die Zucht von Springpferden weder das größte Geduld- noch Vabanquespiel in der Pferdezucht ist, bewiesen auch an diesem Freitagmorgen einmal mehr die Söhne springbegabter Väter. Der sympathisch jugendliche SYDNEY BAY v. Axis TSF, gezogen von Nicole Schienstock und vor zwei Jahren als Auktionsfohlen  von Corinna Hellman erworben, zeigte das enorme Geschick seines Vaters. Ebenso der einzige Sohn des Caruso Nero, HENNESSY, gezogen von Friedrich Wilhelm Böse, den die Spring-und Buschbegeisterten unter den Zuschauern gern mit dem Körprädikat gesehen hätten. Auf den ersten Blick ein wenig überraschend, zeigte auch Kasimirs erster gekörter Sohn HERBSTKLANG Geschick und Motivation über den Stangen – die Erklärung für dieses Talent des Ivernel-Enkels hatte Züchterin Gisela Gunia mit Verweis auf die gesicherten Springgene in der Mutterlinie mit Herbstlicht v. Timber – Caanitz parat.

Hirtentanz‘ Söhne Abendtanz sowie HERMELIN aus der Zucht von Dr. Gisela Löwe, der mütterlicherseits den Vielseitigkeitsvererber Mont du Cantal AA als Großvater führt, erfüllten alle hochgesteckte Erwartungen am Sprung. Mit Springvermögen, dass an diesem Tag keine Grenzen nach oben erkennen ließ, spielte der erste gekörte Heops-Sohn COME CLOSE aus einer Mutter von Almox Prints mit den Abmessungen und verdiente sich die Höchstnote 10 und eine Beschälerbox in seinem Züchterstall, dem Klosterhof Medingen. 

Auf dem Dreieck wurden die Karten einmal mehr neu gemischt. Einigkeit herrschte sicher auf den Rängen wie auch in der Körkommission, dass hier ein besonders starker Jahrgang angetreten war, vertreten mit modernen, sportlichen Typen, optisch und in der Blutführung erfreuliche Varianz aufweisend. Der eindeutige Sieger stand aber wohl auch nach den Trabrunden an der Hand für die meisten noch nicht fest.

Ein Highlight ist das Freilaufen am Samstagmorgen. Hier begeisterten einige Köraspiranten mit hervorragender Galoppade. Zuchtleiter Lars Gehrmann beurteilte die Entwicklung des Galopps in den letzten Jahren positiv und äußerte sich hoch zufrieden über die Darstellung der diesjährigen Junghengste. Doch nicht nur Trab und Galopp, auch die Balance der Köranwärter zeigte sich ohne unmittelbare menschliche Einwirkung unverfälscht – eine Lehrstunde für die Zuschauer, eine Visitenkarte für so manchen Hengst. Einige Hengste schienen geradezu glücklich, hier einmal ungehindert ihr Bewegungspotenzial zeigen zu dürfen. Nach dem abschließenden Schrittring schlug das erste Mal die Stunde der Wahrheit: 24 Hengste durften am Nachmittag zum Endring antreten, für 21 von ihnen fiel dann das positive Körurteil.

Premiere hatte das – vorläufig freiwillige – Longieren der Hengste in Halle 5. August Camp, der als stellvertretender Körkommissar das Longieren intensiv verfolgt und mit seinen Kollegen diskutiert hat, warnt vor zu großer Euphorie bei diesem Thema. „Wir haben uns gefragt, wie sich die Aufnahme des Longierens auf das Körurteil auswirken könnte und sind vorerst der Meinung, dass der Einfluss des Menschen hier noch mehr Gewicht erhält. Ganze zwei Pferde, die ansonsten nicht durch Ausnahmequalität hervortraten, hinterließen an der Longe einen vorbildlichen Eindruck. Viele andere hatten gar keine Chance, zu ruhigen taktreinen Bewegungen zu finden“, zog der Ausbilder aus Geldern ein erstes Fazit. „Ich meine, wir wollen doch nicht das ‚präparierte‘ Auftreten, sondern die Grundqualität der jungen Pferde sehen. Gerade die Trakehner zeigen das Wesentliche beim Freilaufen und an der Hand. Wer ein Pferd dort nicht erkennen und beurteilen kann, ist vielleicht gut beraten, sein hippologisches Auge noch ein wenig zu schulen.“

Ob das Longieren künftig als Bestandteil des Körprozedere aufgenommen wird, bleibt abzuwarten. Auch Lars Gehrmann gab zu bedenken, dass die Ansprüche an die jungen Pferde damit wohl noch einmal steigen würden. „Von der Dreiecksmusterung zum Longieren und vom Longieren zum Reiten sind es jeweils nur kleine Schritte“, warnte der Zuchtleiter. Erhalten bleibt der Körung auf jeden Fall das Freilaufen der Hengste am Samstagvormittag. Die Praxis anderer Verbände, das Freispringen mit dem Freilaufen zu kombinieren, lehnt der Trakehner Verband nach wie vor ab.    IE

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