Samstag, 04. Februar 2012
 


Herzensdieb, Hirtentanz, Imperio, Heops, Kaiserkult und Occacio standen als Debütanten mit ihren Jahrgängen in einem Mittelpunkt des Geschehens, gleichwohl auch international renommierte Leistungsvererber wie Kostolany, sein Sohn Gribaldi oder der grosse Celler Lauries Crusador xx. Zusätzlich zu Heops, Gribaldi und Kaiserkult vervollständigen Axis und Van Deyk die Riege der in unterschiedlichen Disziplinen in Kl. S erfolgreichen Väter.  

 

Der Jahrgang ließ hinsichtlich seiner sportlichen Aussagen kaum Wünsche offen. Vorbildliches Streben nach Sportlichkeit und qualitätvollen Reitwerten dokumentieren bereits die Väter, von denen sich 5 neben den züchterischen Verpflichtungen ihre Lorbeeren im großen Sport verdienten. Dazu treten mit IMPERIO ein Vizeweltmeister, mit KASIMIR und OCCACIO zwei altersgemäß bis einschließlich M-Dressur erfolgreiche Vererber und mit HIRTENTANZ ein Springpferd der Spitzenklasse.

Aber auch die Mütter konnten sich mit sportlicher Brille betrachtet sehen lassen: AMAZING, die Mutter des ABENDTANZ, war Trakehner Springchampionesse und siegreich bis M, IDAMANTES’ Mutter ILIAS verdiente sich ihren Elitetitel auch aufgrund ihrer Erfolge im Dressursport bis Kl. M. Auf derselben Ebene war die Mutter des Halbblüters OSIANDER, die Hohenstein-Tochter ODE II erfolgreich, während KANDELA, Mutter des KANDELUS, auch aufgrund ihrer strahlenden Karriere im großen Dressursport als Trakehner Mutterstute eine Vorbildfunktion innehat.

Die Linien der Neuzeit
Wurde anlässlich des  Körjahrgangs 2008 vor allem der große Klosterhofer CAPRIMOND als der prägende Vererber der neuen Beschälergeneration herausgestellt, war es 2009 mit dem Hämelschenburger KOSTOLANY ein weiterer Hauptvererber der Gegenwart, der mit seinen züchterischen und sportlichen Meriten einen nahezu symbolhaften Charakter besitzt. Ein direkter Sohn und drei Enkel vertreten den betagten Enrico Caruso-Sohn im Lot der Gekörten, der seinen aktuellen Titel  „Hengst des Jahres“ mehr als verdient mit Würde trug. Abendtanz zeichnet sich zudem durch eine  Linienzucht auf den ehemaligen Siegerhengst aus, auch GIOVANNI SILVAS Blutführung erhält durch ihn eine besondere Note und über seinen Vater CADEAU tritt MONTAFON in enge Verbindung zu Kostolany, während HERBSTBACHS Vater Occacio bereits als Sohn des Cadeau firmiert.

Nur zwei der alten Linien, die ihre Wurzeln auf die Zuchtepochen der Vorkriegszeit zurückführen, waren in diesem Jahre mit je einem Repräsentanten präsent. POKER E ist der einzige noch lebende Vertreter der seit jeher eher schmalen Linie des MAJOR, die auf den recht groben ehemaligen Verstärker und  Trakehner Hauptbeschäler TAUENTZIEN zurückführt. Die Major-Linie wird als besonders dressurbetont angesehen und es ehrt Pokers lebenslange Anhänger und Förderer, das Ehepaar Baumgürtel, dass es ihnen gelang, seinen sportiven Sohn in Obhut zu bekommen.

Aus russischer Leistungszucht stammend, vertritt der Springstar HEOPS die alte Linie des ehemaligen Trakehner Hauptbeschälers PILGER, dessen Name auch aufgrund der großen internationalen Sporterfolge der Angehörigen seines Hauses nach wie vor hohe Verehrung genießt. COME CLOSE ist sein erster gekörter Sohn und veranschaulichte in vielen Attributen seiner Auftritte welches Leistungspotential gemeint ist, wenn man über Pilgers Erbe reflektiert.

Der Hengstjahrgang 2009 unterstreicht einmal mehr die exponierte Stellung des Burnus-Sohnes HABICHT; ohne seine züchterischen und sportlichen Einflüsse sähe das Gesicht der Trakehner Zucht gänzlich anders aus. Fünf junge Hengste zählen zu seiner weit verzeigten Linie, die in dem Hörsteiner SIXTUS ihren Hauptexponenten besitzt. Drei der sechs Prämienhengste sind Angehörige seiner väterlichen Dynastie, wobei Imperio und Hirtentanz mit ihren Söhnen debütierten. Mit SIDNEY BAY tritt der dritte gekörte Sohn des Grand Prix-erfolgreichen AXIS hinzu, während IN PETTO, der die züchterische Bühne inzwischen verlassen hat, seinen ersten gekörten Sohn vorstellte.

Mit jeweils 5 Vertretern waren auch die Linien des FETYSZ ox und PASTEUR xx deutlich präsent. Beide sind weit verzweigt, zum Teil stark verflochten und zählen längst zu den tragenden Säulen im Gewölbe der Trakehner Zucht. Am besten verdeutlicht dies der Sieger KENTUCKY: sein Vater DONAUFELS ist ein typischer Repräsentant des väterlichen Hohenstein – Caprimond – Arogno Blutes, seine Mutter bringt ganz nah die Einflüsse des MAHAGONI v. Pasteur xx mit.

Der Reservesieger ALL INCLUSIVE vertritt in seinem ganzen Habitus den berühmten Vater Gribaldi sehr deutlich und damit das Erbe des Kostolany aus dem Zweig des Enrico Caruso in Pasteurs xx Mannesstamm. Auf Mutters Seite treten jedoch – abgesehen vom Sixtus-Sohn Buddenbrock – gänzlich andere Gene hinzu, die man fast schon als Outcross bezeichnen kann; zum einen über EL ZID, Sohn des Shagyarabers Balaton, zum anderen über den selten vertretenen Fähnrich-Sohn EPOS – eine Tatsache, die gesamtzüchterisch sicherlich zu begrüßen ist.

An weiteren Vertretern der durchaus als Hochadel unter den Linien der Gegenwart zu bezeichnenden Fetysz-Dynastie ist mit LAXDOYEN der erste gekörte Herzensdieb-Sohn herauszustellen. HERBSTKLANG darf sich ebenfalls erster gekörter Nachkomme seines Vaters Kasimir nennen. Und schließlich präsentierte der Domselshofer Schwadroneur-Sohn PRICOLINO mit IDAMANTES seinen ersten Gekörten, während OLIVER TWIST nach GRAND PASSION und SINGOLO nunmehr mit HELLINGER als dreifacher Hengstvater fast schon als eine züchterische Institution gelten kann.

Pasteurs xx Linie gewährt eine ähnliche Interpretation: Wie erwähnt treten zum Reservesieger All Inclusive nun mit SAINT CYR, Montafon und Herbstbach drei weitere Angehörige des Zweiges des Mahagoni-Sohnes Enrico Caruso hinzu. Giovanni Silva repräsentiert über seinen Vater SUMMERTIME die Linie des Michelangelo, des zweiten, züchterisch einflussreichen Pasteur-Sohnes.

Die Begeisterung und allgemeine Zustimmung zur Körung des charmanten ZAUBERDEYK verdeutlichte nicht nur die dem jungen Hengst entgegen gebrachte Wertschätzung, sondern auch die seines Vaters VAN DEYK, der sich nach wie vor hochbetagt im züchterischen Einsatz befindet und zu den wenigen lebenden Linienbegründern zählen dürfte. Mit Kandelus v. Kaiserkult stand ein zweiter Botschafter der väterlichen Linie auf dem Podest in Neumünster.  
Starke Mutterstämme in Front

Betrachtet man die Mütter des jüngsten Körjahrgangs und ihre Stämme, so fällt vor allem der große FRIEDENSFÜRST als zweifacher Muttervater auf. Längst von der züchterischen Bühne abgetreten, gilt ihm heute großes Ansehen aufgrund der hohen sportlichen Begabung seiner Kinder. Mit seinen Enkeln LEGRETTO und Zauberdeyk befinden sich nun zwei in leistungsmäßiger Hinsicht besonders aussagekräftige Hoffnungsträger im Lot der Gekörten. Auch der Hörsteiner Elitehengst LEHNDORFF’S, fast schon sprichwörtlich in seiner klar dokumentierten Vererbung hoher Dressurveranlagung, ist zweifach als mütterlicher Großvater präsent. EXCLUSIV, als gangstarker Vererber renommiert, ist der dritte, der als Muttervater zweifach auftritt.

Ansonsten bestätigt der diesjährige Jahrgang ein in jeder Pferdezucht beobachtetes Phänomen, wo bei den züchterisch beteiligten Mutterstämmen das Gebot des „Kommen und Gehen“, des „Aufblühen und Verlöschen“ herrscht.
Lediglich die Familie T7A4 Kantilene Gestüt Biebertal ist mit zwei gekörten Vertretern – darunter der Siegerhengst – vor Ort. Der Schümannsche Zweig der angesehenen Dynastie gilt züchterisch und sportlich als besonders wertvoll und hat seine exponierte Stellung einmal mehr demonstriert. Ihre dominierende gesamtzüchterische Position untermauern einmal mehr die Familien der O35A1b Scherezad Gestüt Rantzau, O35A1a Schwarze Schwalbe Gestüt Webelsgrund sowie der T14N1 Hymne Gestüt Webelsgrund, die mit den gekörten Repräsentanten SHAPIRO, Saint Cyr bzw. HEUBERGER vertreten waren. Vorbildliche züchterische Kontinuität demonstriert der prämierte Heuberger, denn sein mütterlicher Stamm zählt in Webelsgrund seit Begründung vor mehr als einem halben Jahrhundert zu den tragenden Säulen dortiger Zucht. Denselben Mutterstamm wie Saint Cyr und Shapiro vertritt in weiterem Sinne auch der Axis-Sohn Sidney Bay, denn Familienbegründerin Serenade zählt ebenfalls zur großen Saaleck-Dynastie.

Aus den angesehenen Leistungsstämmen der Zauberfee, Caravelle, Odyssee, Darstellerin und Medina kommen Zauberdeyk, Come on, Osiander, Dajan, und Montafon, junge Hengste, die sich auf dem Parkett Neumünster in vorbildlicher Sportlichkeit zu präsentieren wussten. Insbesondere der Heops-Sohn bestätigte mit Kraft und Athletik und vor allem in seinen eindrucksvollen Talenten am Sprung seine sportlich hochklassige mütterliche Blutführung. 

Im züchterischen Aufwind befinden sich die Familien der Cresta Star xx und der Horsa, die mit dem farbenfroh gezeichneten CONNOR MCLEOD bzw. Hellinger einmal mehr auf sich aufmerksam machen. Insbesondere Hellingers Familie, zurückführend auf die schöne, leistungsbereite Treckstute HORSA, wird hoch geschätzt.
Mit den Familien O2345A1 Liebchen Jaeschke-Fresendorf (Legretto) und O326 Gundula Poll-Hörem (Giovanni Silva) stellen sich altbewährte, bekannte und verbreitete Blutlinien vor, die in diesem thematischen Zusammenhang bereits häufig moderiert wurden. 26 Jahre sind ins Land gegangen, seit 1983 die Arkade-Familie mit ANTARES und die Abendglocke-Familie mit ACHTERMANN den letzten gekörten Nachkommen präsentieren konnten. Mit Abendtanz und All Inclusive sind sie nun erstmals wieder mit hoffnungsvollen gekörten Vertretern präsent, auch aus züchterischer Sicht eine wertvolle Bereicherung im Sinne des Erhalts einer gewissen Vielfalt an bewährten Blutlinien. Die „Herbst-Dynastie“ wird in diesem Jahr durch zwei Mitglieder der Herbstlicht- und der Herbstblüte- Zweige, zurückführend auf ihre letzte Tochter Herbsttochter, vertreten. 

Bleibt noch auf die mütterlichen Herkünfte von Laxdoyen und Idamantes einzugehen: Die Familie des Herzensdieb-Sohnes führt auf die ostpreußische Gründerstute Loza zurück, deren LIESKEN v. Mangan xx seinerzeit im Gestüt Schralling einzog und mit ihrer Tochter LUGOWEN eine sichere, nicht nur als zweifache Hengstmutter bewährte Vererberin stellte. Die kleine Familie der Ilawa kommt aus Wurzeln edler Posener Pferdezucht und hat sich im Rheinland und in Westfalen eine qualitätvolle Basis gesichert.

Insgesamt ein Jahrgang, der sich durch sportlich hoch erfolgreiche Väter auszeichnet, durch zwei eindrucksvolle Halbblüter bereichert wird und auf konsolidierte, in züchterischer und sportlicher Hinsicht mit klangvollem Namen versehene mütterliche Stämme verweisen darf.      Erhard Schulte

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