Samstag, 04. Februar 2012
 


Jedes Zuchtziel in der Pferdezucht hat leider eine negative Eigenschaft: Es wird nie erreicht werden. Von dem erfahrenen Züchter Hans-Peter Heinen kommt das bekannte Zitat: „Die Natur ist nicht verschwenderisch“. Und damit lernt jeder Züchter, mit der Erkenntnis zu leben, dass er mit Fehlern züchten muss.

Das Zuchtziel der Gegenwart ist definiert und steht geschrieben auf mehreren Seiten im Zuchtprogramm des Trakehner Verbandes. Dabei muss bedacht werden, dass ein Zuchtziel niemals statisch ist. Es ändert sich von Zeit zu Zeit. Und der Auslöser für diese Veränderungen ist fast immer die Nachfrage des Marktes. Die 275-jährige Geschichte Trakehnens kann für diese These viele Beispiele benennen: Es begann mit der Trennung zwischen der Reitpferdezucht und der Wagenpferdezucht im 18. Jahrhundert.

Kennzeichnend für die wechselnden Zuchtziele in der Geschichte Trakehnens waren die polarisierenden Bedürfnisse des Militärs und der Landwirtschaft. Je nachdem, welche Bedürfnisse gerade wichtiger für das Schicksal des Volkes eingeschätzt wurden, hat sich die Zufuhr von englischem Vollblut oder arabischen Vollblut in Trakehnen angepasst. In Kriegszeiten mussten die Pferde Ausdauer zeigen auf langen Strecken, sie mussten hart und anspruchslos sein, widerstandsfähig, klug und mutig. Deshalb waren Pferde mit hohem Blutanteil an englischen und arabischem Vollblütern beim Militär sehr geschätzt. Für die Ernährung der Menschen aber brauchten die Landwirte Pferde mit Kraft, weniger Temperament, stabilen Fundamenten und großem Rahmen. Und für diese Zwecke waren die Vollblüter nicht förderlich. Hier war mehr Handwerk als Geist gefragt.

Diese immer wiederkehrende Gewichtsverlagerung zwischen den Faktoren Kraft und Ausdauer spiegelt sich heute noch in der großen Breite der Erscheinungsbilder innerhalb der Trakehner Zucht. Es gibt eben durchaus Verstärkertypen mit Kraft und Mechanik und es gibt Bluttypen mit Adel und Textur. Dennoch bleibt der Trakehner im Vergleich mit allen anderen Reitpferdezuchten das edelste Warmblutpferd. Intelligenz im Bewusstsein, Trockenheit und Markanz im Körper, Leichtfüßigkeit im Bewegungsablauf und Langlebigkeit in der Konstitution bleiben besondere Merkmale des Trakehner Pferdes.

Typdefinition
• Der Trakehner verkörpert die edelste deutsche Reitpferderasse, vor allem gekennzeichnet durch den Trakehner Rassetyp. Erwünscht ist das besonders elegante Erscheinungsbild eines großlinigen, dabei harmonischen und edlen Reitpferdes, geprägt durch Ausdruck, Adel und Markanz. Die Prägung des Trakehner Typs soll in einem trockenen ausdrucksvollen Kopf, einem großen Auge und gut geformter Halsung, plastischer Bemuskelung sowie korrekten, klaren Gliedmaßen zum Ausdruck kommen. Zuchthengste und Zuchtstuten sollen über einen typischen Geschlechtsausdruck verfügen.
• Unerwünscht sind insbesondere ein derbes, plumpes Erscheinungsbild, ein grober Kopf, verschwommene Konturen, unklare Gelenke und bei Zuchtpferden fehlender Geschlechtsausdruck.

Die wichtigsten Merkmale, in denen sich das Erscheinungsbild des Trakehner Pferdes in Deutschland in den vergangenen Jahren verändert hat, sind Merkmale, die auf dem Markt mit höheren Verkaufspreisen quittiert wurden. Dazu gehören zum Beispiel folgende Eigenschaften:

Die Größe: 1978 zum Beispiel lag die Durchschnittsgröße der gekörten Hengste in Neumünster bei etwa 164 Zentimetern. Der Schimmelhengst Falke war damals mit 168 Zentimetern der größte Junghengst des Jahrgangs. Im Jahre 2005 lag das Durchschnittsmaß der gekörten Hengste bei 167 Zentimetern. Und der braune Occacio war mit 171 Zentimetern Stockmaß der größte. Zwischen den Durchschnittsmaßen von 1978 und 2005 liegt eine Differenz von drei Zentimetern in fast 3o Jahren. Begründung: Größere Pferde sind im Durchschnitt teurer als kleine Pferde. Aber dennoch hat die These des ehemaligen Zuchtleiters Dr. Eberhard von Velsen dauerhaft Gültigkeit: „Qualität kann man nicht am Stockmaß ablesen“.

Der Rahmen: Die Trakehner Pferde in Deutschland sind nicht nur größer, sondern auch großrahmiger geworden. Das heißt, bestimmte Körperpartien, wie zum Beispiel die Schulter, die Sattellage oder die Kruppen- und Beckenpartie haben an Ausprägung und Bedeutung zugenommen. Begründung: Ein großer Rahmen deckt größere Reiter und fördert die Ausprägung von Kraftentfaltung und größerer Übersetzung in der Bewegung.

Die Knieaktion: Als Knieaktion bezeichnet man in Deutschland die Mechanik des Vorderbeins in der Bewegung. Das ist unlogisch, weil das Knie anatomisch beim Pferd hinten liegt. Es ist eben eine deutsche Redensart…Der aus flachem Vorderbein geschobene Trab von früher ist züchterisch fast vollständig verdrängt. Begründung: Eine ausgeprägte Vorhandmechanik kommt der Sportlichkeit in der Dressur und auch im Springen entgegen und wird deshalb von den Reitern nachgefragt.
 Die Hinterhandsaktivität: Der Motor des Pferdes sitzt hinten. Deshalb spricht man auch von Motorik aus dem Hinterbein. Das aktiv abfußende und unter den Schwerpunkt des Körpers tretenden Hinterbein ist ein Merkmal, was der Markt begehrt, welches aber züchterisch ganz schwer zu bearbeiten ist. Die Trakehner Zucht hat diesbezüglich große Fortschritte gemacht, aber in der Breite der Population ist dieses Merkmal ständig zu optimieren. Das gilt übrigens nicht nur für die Trakehner Zucht, sondern für alle Reitpferdezuchten.

Die Galoppade: Seit 1993 werden bei den Stutbuchaufnahmen und bei den Fohlenbeurteilungen auch der Schritt und die Galoppade mit bewertet. Dies hatte zur Folge, dass diese wichtigen Merkmale eines Sportpferdes mehr in den Vordergrund der Trakehner Selektion traten. Raumgriff, Mechanik und die gewünschte Bergauftendenz im Galopp haben sich seitdem im Populationsdurchschnitt stetig verbessert.

Das Interieur: Jeder aktive Reiter, der vor 40, 30 oder noch 20 Jahren Erfahrungen mit dem Anreiten junger Pferde gesammelt hat, wird bestätigen, wie problemlos dieses Anreiten in den meisten Fällen heute vonstatten geht. Mich rufen jedes Jahr viele Käufer von zweieinhalbjährigen Hengsten an und berichten, dass sie völlig erstaunt waren, dass die Hengste sich beim Anreiten so ruhig verhielten. Aufsitzen und losreiten. Das ist übertrieben, aber es belegt eine verbesserte Nervenstärke ohne Verlust an Intelligenz. Diese Kombination von Klugheit und Gelassenheit ohne besondere Gebrauchsanweisung für den Normalverbraucher ist ein ewiges Zuchtziel.

Die Rittigkeit: Das konsequente Prüfen der Hengste und der meisten Stuten unter dem Sattel wirkt sich positiv auf das Zuchtprogramm aus. Hiervon profitiert besonders das Merkmal der Rittigkeit. Hier gibt es eine Reihe von Eigenschaften, die der Züchter bei der Anpaarung berücksichtigt: Maultätigkeit, Anlehnung, Losgelassenheit, Durchlässigkeit. Begründung: Solche Pferde machen einfach mehr Spaß beim Reiten.

Alle diese genannten Merkmale dienen auch einer verbesserten Sportlichkeit und Leistungsfähigkeit. Denn noch heute gilt der Kernsatz unseres Handelns für den Zuchtfortschritt: Je besser die Zucht, desto leichter die Ausbildung. Das ist unsere Aufgabe, vor der wir als Züchter stehen. Da die Maßnahmen zum Erreichen des Zuchtziels aber nie vollständig zum Ziel führen, gibt es auch in Zukunft genügend Herausforderungen der züchterischen Arbeit. Dazu gehören vermehrt die Eigenschaften der Gesundheit und die Fruchtbarkeit. Denn in Anbetracht der Tierarztkosten und der Besamungskosten, die jeder Züchter zu zahlen hat, bekommen diese Eigenschaften eine zunehmende wirtschaftliche Bedeutung.
Für die Vermarktung von jungen Pferden ohne Sattel sind die den Preis bestimmenden Faktoren relativ einfach zusammengefasst: Schönheit, Bewegungsqualität und Größe. Das ist natürlich zu einfach für ein Zuchtprogramm, aber es beschreibt sehr anschaulich, was auf dem deutschen Markt bezahlt wird. Für die Preisbildung von gerittenen Pferden wird dieser Anforderungskatalog aber noch erheblich erweitert. Hier spielt die Rittigkeit eine besondere Rolle. Das Gefühl des Reiters auf dem Pferd und natürlich die Leistung des Pferdes unter dem Reiter.

Und was das Interieur betrifft, so reicht es heute nicht mehr, dass das Pferd „brav“ oder „treu“ ist. Ein erfolgreicher Leistungszüchter von Springpferden sagte mir einmal: „Der Graben zwischen treu und treu-doof ist sehr schmal.“ Zum Interieur gehören aber auch Merkmale wie Selbstvertrauen, Neugier, Lerneifer und Manieren. Ängstliche Pferde, die schreckhaft sind und misstrauisch oder nervös, machen jedem Züchter und Reiter das Leben schwer.

Und neben der Prüfung der Rittigkeit der Elterntiere spielt natürlich auch die Bewegungsqualität eine Rolle. Der Schwung, oder besser gesagt, der schwingende Rücken ist ähnlich wie die Aktivität aus der Hinterhand ein züchterisch schwer erreichbares Ziel in der Populationsgenetik. Im Einzelfall immer wieder bewiesen, aber im Rahmen eines Zuchtprogramms immer wieder eine Herausforderung.

Zuchtziel Bewegungsablauf
• Erwünscht sind fleißige, taktmäßige und raumgreifende Grundgangarten (Schritt 4-Takt, Trab 2-Takt, Galopp 3-Takt). Die Bewegungen sollen elastisch und energisch aus der Hinterhand entwickelt, über den locker schwingenden Rücken auf die frei aus der Schulter vorgreifende Vorhand übertragen werden. Die Bewegungsrichtung der Gliedmaßen soll dabei gerade und nach vorn gerichtet sein.

• Der Bewegungsablauf im Schritt soll losgelassen, energisch und erhaben sein bei klarem Ab- und Auffußen. Der Bewegungsablauf im Trab und Galopp soll bei klar erkennbarer Schwebephase elastisch, schwungvoll und leichtfüßig, getragen mit natürlicher Aufrichtung und Balance ausgestattet sein. Etwas Knieaktion ist erwünscht.

• Unerwünscht sind insbesondere kurze, flache und unelastische Bewegungen bei festgehaltenem Rücken sowie schwerfällige, auf die Vorhand fallende oder untaktmäßige Bewegungen; sowie schwankende und schaukelnde oder deutlich bügelnde, drehende, bodenenge, zehenenge, bodenweite bzw. zehenweite Bewegungen.

• Die Überprüfung erfolgt an der Hand wie im Freilaufen.

Zuchtziel Interieur
• Erwünscht ist ein unkompliziertes, umgängliches, gleichzeitig einsatzfreudiges, nervenstarkes und verlässliches Pferd, das einen wachen, intelligenten Eindruck macht und durch sein Auftreten und Verhalten gute Charaktereigenschaften sowie ein gelassenes, ausgeglichenes Temperament erkennen lässt.

• Unerwünscht sind insbesondere im Umgang schwierige, nervöse, ängstliche oder feige Pferde.

• Erwünscht sind weiterhin robuste Gesundheit, gute psychische und physische Belastbarkeit, natürliche Fruchtbarkeit sowie das Freisein von Erbfehlern.

 

TRANSLATION:

Breeding goals: Origin, Evaluations and Perspectives

by Lars Gehrmann, Translation by Dr. Maren Engelhardt

 

Breeding goals have one disadvantage: they will never be reached. The experienced breeder Hans-Peter Heinen once said, “Nature does not waste resources on perfection.” And that sums up what we as breeders have to live with, namely the realization that we have to breed with flaws. The goal of our breed has been put into writing and fills several pages. Please keep in mind that such goals can never be static – in fact, goals must change from time to time. And the trigger for such changes is usually the demand of the market.

The 275 years of history in our breed have produced many such examples, which began with the separation of the carriage horse breeding from the riding horse breed in the 18th century. The major factors that determined most of the changes in the East Prussian warmblood breeding goals were military needs and agricultural needs. Whichever requirements were deemed more important for the people of East Prussia determined the amount of English and Arabian Thoroughbred at the main stud Trakehnen that was introduced into the gene pool.

During war times, horses needed more “grit” and endurance, they needed to live on minimal supplies, and show exceptional intelligence and spirit. For agriculture, power, body volume, foundation and a laid-back temperament were key – quite the contrary to the military. This change in balance was a recurring development over centuries, a balance between strength and endurance. In fact, this is precisely the variance in type that we tend to see in our modern Trakehner breed. We see substantial types with strength and mechanics and “Anglo” types with elegance and agility.

Nonetheless, the Trakehner remains the most elegant and noble warmblood horse breed today. Intelligence, dry texture, harmony in the body, light-footedness in movement and long-lasting soundness will always remain the major points of the Trakehner breed. The most important features that have undergone gradual changes in the more recent past, mostly driven by the demands of the market, include:
 SIZE: In 1978, the average height of approved stallions in Neumünster was 164cm (16.1h). The grey stallion Falke was the tallest at 168cm (16.2 h). In 2005, the average was 167cm (16.2h) and the bay Ocaccio was tallest with 171cm (16.3h). In these 30 years, we see a difference of about 3cm (1in). The reasoning? Taller horses achieve higher average sales prices. However, do not underestimate Mr. von Velsen’s comment “Quality cannot be measured with a stick”.

FRAME: The Trakehner in Germany has increased not only in height but also in frame. This means that certain body parts: like the shoulder, saddle position and hip/croup have become more substantial. The reasoning? A larger frame accommodates taller riders and helps to engage strength and transmission under saddle.

KNEE ACTION: Knee action in the German language describes the activity of the front arm in movement. That is illogical since the anatomically correct “knee” is located in the haunches. However, it has become an idiom with which most people are familiar now. The relatively flat-moving “knee” of the front leg that was a strong characteristic of the Trakehner in the past is now almost completely eliminated and has no place in competition anymore. The reasoning? A higher knee clearly helps both in dressage and show jumping.

ACTIVITY FROM BEHIND: The engine of the horse is in the haunches. Therefore, we speak of the activity of the haunches. The active hind end that stays well under the body is in very high demand, but is very hard to breed for. Our breed has had tremendous success in developing a better hind end, but it remains our most important area of breeding work. That is also true for all other warmblood breeds.

CANTER: Since 1993, stud book inspections and foal inspections include scores for walk and canter. That led to these sport horse requirements getting much more attention in our selection process. Ground cover, mechanics and the desired uphill tendency have been improved constantly.

TEMPERAMENT: Active riders who have dealt with young horses in the past 40, 30 or even 20 years can verify that is was never easier to start youngsters than today. I am contacted by new owners of 2yr old colts every year that report how positively surprised they are by the experience of breaking their young stock. Mount and ride, in a simplified way. It does show that horses have become easier without losing their intelligence. This combination of wit and laid-back personality without special instructions on handling is an everlasting breeding goal.

RIDEABILITY: The required under-saddle testing for all stallions and most mares has had a great influence on the breeding goals.  Rideability has especially profited from this, naturally. There are traits that breeders now pay special attention to, like activity of the mouth, connection, suppleness, transmission, and willingness. The reasoning? Such horses simply are a lot more fun to ride.

All these traits also further general athleticism and ability to perform. The easier the breed, the easier the training becomes. That is the task we, as breeders, have to tackle.

Many ways lead to Rome, so to speak; hence the future will hold many challenges for breeding. Increasingly, reproductive health and fertility play a major role in the formula, since breeding has become very expensive through veterinary and stud fees. The marketability of young horses that are not under saddle is mostly influenced by three factors: beauty, movement and size. That is too simplified for a breeding program, but nicely describes what is in demand on the German market. Selling horses that are under saddle is a lot more complex. Rideability plays a central role. Other aspects include the feeling the rider has in the saddle and of course the performance of a horse under saddle.

Regarding temperament, it is not enough anymore to just have a horse that is sweet or laid-back. A very successful show jumper breeder one told me “The gap between laid-back and stupid is very small”. Temperament and character include curiosity, willingness to learn, and respect for humans. Spooky horses, anxious horses, or nervous horses make life hard on breeders and riders alike. Besides the rideability of parents, there is also the quality of movement that plays a major role. The swinging back is almost as hard to achieve as a powerful back end in population genetics.
Overall, the balancing act between power and endurance has clearly been moved towards power. From time to time that creates horses that lack type or elegance, but bring so much more to the table in terms of movement and athleticism. Successful sport horses today are powerful athletes and not necessarily endurance types. That is a key element Trakehner breeders need to keep in mind.

However, if you think about the current discussion within the FEI regarding official status of endurance riding, this breeding goal may be in higher demand again, especially if this discipline becomes Olympic.  In a way, we are back where we were 150 years ago.

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