Pferdezüchter, denen es gelingt, bleibende züchterische Werte für die Zukunft zu schaffen und zu sichern, zeichnen sich durch Visionen, Weitblick, Toleranz und auch den sprichwörtlichen sechsten Sinn aus. So geschehen bei der Entdeckung des legendären Burnus, der – aus fremden Herkünften stammend – eine Linie begründete, die sich dank mehrerer Hauptvererber im steten Aufstieg befindet. Eine Linie, deren Angehörige sich häufig durch eine übereinstimmung in sportlichen Attributen wie Härte, Athletik, Leistungsbereitschaft und eine insgesamt vielseitige sportliche Veranlagung auszeichnen.
„Es charakterisierte die scheuklappenfreie Weitsicht von wirklichen Experten wie Dr. Schilke, dem damaligen Zuchtleiter des Trakehner Verbandes, und Gottfried Hoogen, der BURNUS jahrelang als Leihhengst benutzte und zum Durchbruch verhalf, dass sie sich voll einsetzten für einen Hengst, der keinen Tropfen Trakehner Blut führte“ beschreibt der Hippologe Dr. Ekkehard Frielinghaus („Trakehner Hefte“ 5/95) die Hintergründe, die den Weg des angloarabischen Halbblüters ungarischer und jugoslawischer Herkunft in eine züchterische Karriere ebnen halfen. Und weiter: „Sie taten das in der Überzeugung, dass ein solches Kapital an Charme, Dienstbereitschaft und Vielseitigkeit, wie es Burnus besaß, für den Trakehner als modernes Reit- und Springpferd unverzichtbar sei.“
Aus betonter Leistungszucht
Bereits sein Vater hatte sein Leistungsvermögen auf höchstem Niveau dokumentiert. LAPIS wurde 1938 im königlich- jugoslawischen Hauptgestüt Dusanowo geboren und kam nach der Besetzung des Landes durch deutsche Truppen in deutschen Besitz. Der leichte und bildschöne Hengst wurde der Reit- und Fahrschule Krampnitz als Remonte zugeteilt, wo sich Oberleutnant Walther Schmidt-Salzmann in den Schimmel verliebte. Fortan diente er dem Offizier als Dienstpferd an der Kriegsfront in vorderer Linie. „Rund 6000 km legten sie in drei Jahren beim Kavallerie-Regiment Mitte zusammen zurück. Lapis war das kleinste Pferd der Schwadron, zog aber schon im Schritt an allen anderen vorbei. Er war immer gesund, während viele andere Pferde den Strapazen erlagen. In Russland wurde er nur vorne beschlagen; erst auf den Kunststraßen Polens erhielt er auch Hintereisen“ charakterisiert Dr. Frielinghaus die Leistungen des Arabers.
Bei Kriegsende gelang es Walther Schmidt-Salzmann, sich und den Hengst in den Westen zu retten: „Bei der Nacht überquerten sie in einem Boot die Elbe – Lapis schwamm nebenher - und ritten bis Schleswig-Holstein. Nach Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft gelang es ihm, Lapis auszulösen und er trat mit ihm auf einem offenen LKW die Heimreise nach Salach bei Göppingen an.“ Lapis vereinte die besten Blutlinien der osteuropäischen Edelpferdezuchten, die in den legendären Zuchtstätten und Gestüten Gorazda, Ilok, Mezögehyes, Babolna, Radautz, Lipica und Dusanowo wurzeln.
Durch Vermittlung eines ungarischen Gestütsoffiziers gelangte Walther Schmidt-Salzmann nach Kriegsende in den Besitz einer wertvollen Kisbèrer Stute: 68 FENÈK V vereinte mit Fenèk xx, Major xx, Slieve Gallion xx und Maxim xx bewährte Vollblutlinen der ungarischen Hochzuchtstätte.
Im Jahre 1948 wurde Burnus geboren. Dr Frielinghaus – damals Landstallmeister in Darmstadt - erinnert sich an den jungen Hengst, den er hier in Ausbildung hatte: „Er war ein betontes Edelpferd, mittelgroß mit enormer Halsung, liebenswürdig und leichtrittig.“ Unter Dr. Reiner Klimke strebte er eine hoffnungsvolle Karriere im Vielseitigkeitssport an, die durch eine Verletzung vorzeitig beendet wurde. Sein Züchter schenkte ihn daraufhin dem Trakehner Verband.
Wechselvolle züchterische Laufbahn
Als „Ein Hengst von hoher Intelligenz mit allerbestem Charakter“ wird der braune Lapis- Sohn im Trakehner Hengstbuch beschrieben. Dr. Schilke stationierte ihn von 1956 bis 1958 im Gestüt Rantzau, das damals den Ruf eines „kleinen Trakehnen“ besaß. Seine Benutzung hielt sich jedoch in Grenzen; es waren die Jahre der Konsolidierung der noch vorhandenen Zuchtbestände, Verstärkung und Vergrößerung galten als Maß aller Dinge – ungünstige Zeiten für ein Blutpferd! Die wenigen Töchter, die ihre Entstehung auf die Rantzauer Jahre zurückführen – SCHWEDENMÄDEL, KAMERUN, OLIVIA, KOSTBARE und TÄNZERIN – erwiesen sich als einflussreiche Mutterstuten. Auch auf den nächsten Stationen hielten sich seine Bedeckungszahlen in überschaubaren Grenzen.
Eine besondere Wertschätzung erfuhr der charmante Edelmann auf dem Vogelsangshof, wo er die Jahre 1962 bis 1965 verbrachte. Gottfried Hoogen erinnert sich: „Burnus war eine große Pferdepersönlichkeit. Er liebte den Sattel und war mit großen Reitqualitäten ausgestattet. Immer bergauf und im Gleichgewicht, dabei ein liebevolles und dem Menschen zugewandtes Wesen. Bei uns wurde er nach achtjähriger Pause von meinem Sohn Georg sehr erfolgreich in Jugendprüfungen gestartet. Doch schon bald wurde Georg für den Hengst zu groß; Burnus maß nur 159 cm, wirkte aber durch seinen herrlichen Aufsatz viel größer. Da er aus diesen Gründen als Deckhengst wenig gefragt war, gelang es mir, Herrn Lohmeyer, den Betriebsleiter der Hessischen Hausstiftung in Schmoel, zu überzeugen, ihn auf den dortigen großrahmigen Stuten einzusetzen.“
Dieses Jahr 1966 in Schmoel sollte Burnus’ erfolgreichstes Jahr werden: 1967 brachte die mächtige Rappstute HALLO v. Goldregen, deren Mutter Handschelle als die schwerste unter den geretteteten Originaltrakehnerinnen galt, den schwarzen HABICHT. Mit INDIGA, TUBEROSE, COBURG und HERBSTJAGD, vor allem aber den Linienbegründerinnen und hinsichtlich ihrer Vererbung herausragenden Elitestuten TUGEND und BLINKLICHT hinterließ er hier mehrere Töchter, die zu tragenden züchterischen Säulen werden sollten.
Nach einem wechselvollen Leben fand Burnus schließlich bei Hans Peek in Halver-Bärendahl bei bester Pflege seinen verdienten Alterssitz. Noch längst nicht zum alten Eisen zählend, zeugte er weitere Nachkommen, darunter mit der vornehmen SAALECK II, die ihren Vater auf der 1. Trakehner Bundesschau Verden 1975 als Reservesiegerin der Vierjährigen würdig vertrat, eine Spitzenstute.
Am 7. März 1980 endete das Leben des Hengstes, er war 32 Jahre alt und wurde betrauert wie es ihm gebührte – als eine große Pferdepersönlichkeit. Unter der großen Zahl seiner im Sport bis zur höchsten Ebene erfolgreichen Kinder sollen repräsentativ die Vielseitigkeitspferde ORKAN und KIM, in der Dressur Harry Boldts BARITON und im Springsport SCHWALBERICH sowie der rheinische BLUE BOY genannt sein.
Aus den Jahren auf dem Vogelsangshof stammten die beiden gekörten Söhne ALARM und MARKES LETZTER, die jedoch beide mit 3 bzw. 11 eingetragenen Töchtern ohne wesentliche Einflussnahme blieben. Die Linie in die Zukunft zu führen, blieb seinem jüngsten Sohn HABICHT vorbehalten.
Unverwechselbar: Habicht
Das positive Körurteil des schwarzen Athleten war seinerzeit umstritten, man kritisierte seine mangelnde Korrektheit im Vorderbein, seinen etwas herben Typ und – wie sich die Zeiten ändern – eine augenfällige Schulterfreiheit, die im Trakehner Hengstbuch, wie auch bei seinem Vater Burnus kritisch als „etwas hohe Aktion“ beschrieben wird. Doch Habicht hatte in Dr. Schilke einen einflussreichen Verfechter, er verwies auf seine gleichermaßen wertvolle und bewährte Abstammung, auf den energischen Habitus und die kraftvolle Darstellung des jungen Hengstes und stellte ihn nach Rantzau, wo auch der Vater gewirkt hatte. Bei so manchem Besucher des Gestüts hinterließ der Anblick des Hengstes ein leichtes Erschauern, wenn Habicht an der Hand seines Betreuers Helmut Haß wie ein Löwe die Mitte der Bühne betrat, mit Stolz und voller Feuer, im Bewusstsein seiner Kraft und Ausstrahlung. Im Jahre 1970 beendete er eine überragende Hengstleistungsprüfung in Westercelle als Sieger.
Der damalige Zuchtleiter, Dr. Eberhard von Velsen-Zerweck, ritt ihn vorzugsweise in Schaubildern anlässlich großer Zuchtveranstaltungen und überzeugte sich von der hohen sportlichen Veranlagung des Burnus-Sohnes. Als ehemaliger erfolgreicher Vielseitigkeitsreiter sah er die Zukunft des Rappen im Busch und knüpfte den Kontakt zu Martin Plewa, der mit dem inzwischen im Besitz des Trakehner Fördervereins befindlichen Hengst in eine international erfolgreiche Karriere startete. Im Gelände demonstrierte Habicht Geschicklichkeit und gewaltige Sprungkraft. Seine Wendigkeit, Nervenstärke und seine Kondition ließen ihn auch in schwierigen Situationen souverän und aufmerksam bleiben. Dazu kam ein für diese Sparte des Sports vorbildliches Galoppiervermögen. In den Erinnerungen des Warendorfer Erfolgsreiters liest sich das so: „Bereits bei meinen ersten Begegnungen hatte ich den Eindruck, dass es sich um eine ausgesprochene Pferdepersönlichkeit handelt.
Das Zusammenwirken von Schönheit, Farbe, Größe, Rahmen und einer Haltung, die einer großen Aufmerksamkeit gegenüber seiner Umgebung entsprang, in die man ebenso gut eine Art „Stolz“ hätte hinein interpretieren können, machten den Hengst bereits in der Box und im Stand zu einer auffallenden Erscheinung. Unzweifelhaft hat das ästhetische Bild, das der Hengst vermittelte, neben seiner korrekten, doch gelassenen Art zu gehen, dazu beigetragen, dass er auf dem Dressurviereck stets außerordentlich gut bewertet wurde. Er machte es möglich, sozusagen alle Lektionen voll auszureiten. Wesentlichste Voraussetzung dafür war das ausgewogene Temperament des Hengstes, das sich in ausreichender Gehfreude, gepaart mit ruhigem Gehorsam äußerte, so dass er einerseits nicht übermäßig getrieben und angefasst werden musste, man andererseits auch nie Gefahr lief, dass er sich von außen ablenken ließ bzw. im Schritt „anzackelte“ oder im Halten nicht ruhig stand.
Mein Vertrauen in die ausgeprägte Rittigkeit und Geschicklichkeit von Habicht war ausschlaggebend dafür, dass ich nach einem mit einem anderen Pferd erlittenen schweren Reitunfall überhaupt wieder in den Vielseitigkeitssattel stieg. Mit seinem Erfolg gleich beim ersten Start nach meiner Verletzungspause hat er mir das Vertrauen zurückgegeben, das zur Ausübung dieses Sports erforderlich ist.“ (Trakehner Hefte 1/1981).
Unter Habichts 12 gekörten Söhnen ragen gleich mehrere heraus, die sich selbst erfolgreich im Sport auf hohem Niveau behaupteten bzw. in der Lage waren, gewichtige sportliche Akzente zu setzen. Seeadler war Körsieger und hat sich trotz beschränkter Chancen in kurzer Wirkungsdauer den Ruf eines ausgezeichneten Leistungsvererbers erworben. Ähnliches gilt für den noch aktiven VIVUS, der mit seinem jungen Sohn IMPETUS auf einen aussichtsreichen Erhalter der Linie verweist. BALZFLUG hat vornehmlich in der holländischen Sportpferdezucht segensreich gewirkt und ist noch mit dem treuen TABALUGA vertreten. PARFORCE ist nun Elitehengst, behauptete sich im großen Springsport, ist Vater von international erfolgreichen Vielseitigkeitspferden und auch von PHANTOM, dem Helden in zahlreichen schweren Springkonkurrenzen. Vorbildfunktion für seine väterliche Linie und die gesamte Rasse besitzt der große WINDFALL, aus dessen langer Erfolgserie mit Ingrid Klimke und Darren Chiacchia die Bronzemedaille bei Olympia 2004 in Athen herausragt.
Unter zahlreichen weiteren großen Sportpferden ragt Habichts Sohn LIVIUS hervor, der mit Ann Kursinski viele schwere Springen für sich entschied. Fast 140 eingetragene Töchter lieferte Habicht, berühmte und sichere Mutterstuten darunter, von denen Hans-Christian Försts vierfache Hengstmutter ARWETTA repräsentativ erwähnt sein soll.
Es ist Christa und Wolfgang Diehm zu verdanken, dem alten Hengst in seinen letzten Jahren im Gestüt Hörstein noch die züchterischen Möglichkeiten verschafft zu haben, die er verdiente. Wer Hörstein in jenen Jahren besuchte, traf ihn wieder, den Helden zahlreicher großer sportlicher Events, in unverwechselbarem Habitus und unvermindertem Stolz. Er belohnte seine letzten Besitzer mit einem würdigen Nachfolger und schenkte der Gesamtzucht einen Hauptvererber und Linien-Erhalter: Im Jahre 1989 wurde bei Manfred Blomeyer SIXTUS geboren.
Sixtus setzt Akzente
Der schwarze Ibikus-Enkel ähnelt seinem Erzeuger vielleicht am meisten, auch in seinem Stolz, der hohen Intelligenz und seiner Leistungsbereitschaft. Im Alter ist er ein Ebenbild des Vaters geworden, und zählt nach wie vor zu den begehrtesten Beschälern der Gesamtzucht – berechtigt durch zahlreiche Erfolge in Sport und Zucht, durch seine Eigenleistung und durch seine Nachkommenleistung. Unter dem Sattel von Gilbert Böckmann errang Sixtus Siege und zahlreiche hohe Platzierungen im Springsport bis einschließlich Klasse S. Die Liste seiner Töchter, die als Sieger- und Prämienstuten an der Spitze ihrer Eintragungsjahrgänge standen, ist lang.
Mit dem Höremer Hauptvererber BUDDENBROCK stellt er für seine väterliche Linie in vierter Generation ein weiteres starkes Glied in der Kette des männlichen Stammes. Der Sohn von Horst Eberts Spitzenstute BALLERINA zählt heute zu den einflussreichsten Vererbern der Gesamtzucht mit internationalem Ruf: KING ARTHUR war Siegerhengst, ist junger Elitehengst und mit Petra Wilm erfolgreich in Grand Prix-Konkurrenzen. Elitehengst CONNERY beweist sich Jahr für Jahr als exklusiver Reitpferdemacher. Sein Sohn, der Bundeschampion und Vizeweltmeister IMPERIO hat unter Anna- Sophie Fiebelkorn die Trakehner Züchter weltweit mit Stolz erfüllt. Siegerhengst war auch der Schwaiganger IN FLAGRANTI, der mit Friederike Schulz-Wallner Schleifen in S-Dressuren sammelt.
Auch die weiteren Sixtus-Söhne machen von sich reden: Allen voran der eindrucksvolle AXIS, im großen Viereck Grand Prix-erfolgreich unter Terhi Stegars. Seine beiden Söhne HIRTENTANZ und BALLZAUBER zählen zur ersten Garde der jungen Beschälergeneration. Auch PERON JUNIOR behauptet sich mit Pascale Sax siegreich auf S-Niveau. FANDANGO macht durch athletische und bewegungsstarke Nachkommen in Nordamerika auf sich aufmerksam. Der drahtige Prämienhengst DONAUWALZER zählt zu den bewegungsstärksten Nachkommen seines Vaters mit einer Linienzucht auf den großen Habicht. Beim Schweizer Ehepaar Kurt und Barbara Steiger hat er ein neues Zuhause mit Perspektiven gefunden. Der schöne COURACIUS und der noble SAN KROTENBACH stehen erst am Beginn ihrer Sportler- und Beschälerkarrieren; erste Erfolge überzeugen.
Zu den herausragenden Sixtus-Söhnen zählt KASPAROW. Der sportlich außergewöhnlich vielseitig veranlagte Habicht- Enkel verweist mit dem Springspezialisten TITULUS (Kanada), dem Reservesieger INSTERPARK und dem jungen Modellathleten REDECKER auf drei auffallend qualitätvolle Botschafter des väterlichen Erbes.
Auch weitere junge, noch am Beginn ihrer Laufbahnen stehende Vertreter der Burnus-Linie dürften den Bestand der blühenden Linie für die kommenden Jahrzehnte sichern. Aufgrund ihrer deutlichen Sportlichkeit in Verbindung mit einer vielseitigen Veranlagung bestimmt die Linie die Trakehner Zucht der Gegenwart – nicht zuletzt auch aufgrund einer gewissen „hohen Aktion“ im Bewegungsablauf ihrer Angehörigen, wie diese bereits in den Hengstbuch- Beschreibungen von Burnus und Habicht dokumentiert ist.


