Was entstehen kann, wenn zwei vielseitigkeitsbegeisterte Trakehner Fans ihr Fachwissen aus Hauptberuf und hippologischer Erfahrung bündeln, beweisen Beate und Dr. Hubertus Schmidtlein, die vor elf Jahren ihr Gestüt Heidekaten bei Wismar gründeten.
Das Ehepaar hat sich ein kleines Paradies an der Ostsee geschaffen, in dem es Vielseitigkeitspferde auf Trakehner Basis züchtet. Dass die Leidenschaft für diese Disziplin sich anfangs kaum mit klingender Münze rentieren würde, war Dr. Hubertus Schmidtlein bewusst. „Ich habe wohl eine gehörige Portion Abgebrühtheit“, kontert er mit einem Augenzwinkern. „Als Flugzeugbauingenieur habe ich die Wiederaufbauphase der deutschen Luftfahrtindustrie von Anfang an erlebt und aktiv mit gestaltet. Da haben wir zunächst ebenfalls nur Gelächter geerntet. Heute ist sie ein nennenswerter Wirtschaftsfaktor Europas.“ Er ist überzeugt, dass die Vielseitigkeit international denen gehören wird, die dafür mit Geschick und ganzem Herzen arbeiten, denn sie bietet eine Marktlücke, die seiner Meinung nach mit einer Spezialzucht besetzt werden kann. Allerdings: „Die Anforderungen des Sports müssen modernisiert und für Zuschauer und Interessierte wesentlich attraktiver werden.“
„Ärmel hochkrempeln“ hieß es vor elf Jahren: Im idyllischen Heidekaten entstanden Stallgebäude, Reithalle, Reitplätze und Geländehindernisse, Führanlage, Longierplatz, Weiden und Paddocks: Das Ministerium in Schwerin verlieh dem jungen Betrieb eine Auszeichnung für artgerechte Pferdehaltung. Dazu kam der Bau eines kleinen Gästehauses für Urlauber. Beate Schmidtlein absolvierte die Ausbildung zur Pferdewirtin, legte dann ihre Meisterprüfung ab und widmet sich heute der Ausbildung von Pferdewirten wie auch den Gestütsreitern. Die Grundausbildung der jungen Pferde erfolgt in Heidekaten, ab etwa Kl. A wird Fremdberitt eingeplant. Als erster eigener Hengst bezog Ingrid Klimkes einstiger Busch-Star STARWAY seine Box mit Meeresblick.
Blut für die Königsdisziplin
Der Ingenieur im Züchter Schmidtlein geht davon aus, dass der Weg zum vielseitigen vierbeinigen „Optimum“ steinig ist und ziellos werden kann, wenn man die Optimierungskriterien nicht klar definiert. So entschied das Ehepaar Schmidtlein, nach dem Beispiel der Vollblutzucht, für die eigene Zucht allein auf Zuchttiere zu setzen, die sich selbst oder deren Nachkommen sich in Vielseitigkeitsprüfungen bewährt haben.
Fast eine logische Konsequenz war die Erarbeitung einer neuartigen Vielseitigkeits-Prüfung für 3- und 4-jährige Remonten. Sie soll die Selektion junger Zuchtstuten und Hengste erleichtern. Diese Prüfung sollte amtlich anerkannt und durch praktische Erfahrungen gestützt sein, damit sie auch von der Fachwelt ernst genommen würde. Für einen privaten Einzelkämpfer war dieses Projekt zu groß: Im Jahre 2001 schlug die Geburtsstunde des „Projekt Nurmi e.V.“, dessen erster Vorstand Dr. Hubertus Schmidtlein wurde. Inzwischen zählt der Verein 30 Mitglieder. In Zusammenarbeit mit Zuchtleiter Lars Gehrmann und unter Mitwirkung des damaligen VS-Bundestrainers, Martin Plewa, erarbeitete das Nurmi-Team die heutige Form der Prüfung, die vom Land Mecklenburg-Vorpommern im Rahmen des TZG amtlich gemacht wurde. Sie wird seither vom Trakehnerhof Valluhn von Roland Cillwik jährlich einmal unter der Veranstaltungsverantwortung von Projekt Nurmi e.V. ausgerichtet. Die Erfahrungen mit dieser Prüfung bezeichnet ihr Initiator als optimal. Talentsichtung für den Sport findet hier ebenso statt wie die Entscheidungshilfe für den einzelnen Züchter.
Händchen für Blutpferde
Wer Vielseitigkeitspferde züchtet, muss Vollblüter und/oder Araber verwenden. Ihre Nachkommen stellen im Allgemeinen höhere Ansprüche an die Ausbilder als gut durchgezüchtete Warmblüter. Beate Schmidtlein verantwortet die Vorbereitung der pfiffigen eigenen Zuchtprodukte für die Grundausbildung unter dem Reiter. Auf der Grundlage der Methode von Linda Tellington-Jones bildete sie sich ständig weiter. Besonders stolz ist sie auf den Halbblüter RISING IN SPACE, der in seiner durch die Ausbildung gestützten Anständigkeit einen Turnier reitenden einarmigen Reiter glücklich macht, wie auch auf die Halbblüter KOSMOTESS und RAUMALPHA, die sich jeweils 5-jährig unter dem Sattel der jungen Gestütsreiterin Mandy Kalis für das Bundeschampionat des Deutschen Vielseitigkeitspferdes qualifizierten. Raumalpha wurde ein Jahr später unter dem Sattel von Elmar Lesch Vize-Bundeschampion der 6-jährigen Vielseitigkeitspferde und platzierte sich bei der Weltmeisterschaft des jungen Vielseitigkeitspferdes in Frankreich. FIRST FLIGHT siegte mit 5 Jahren in A-Springpferdeprüfungen und mit 6 Jahren in M-Springpferdeprüfungen unter dem Sattel von Fabian Lipsky. Das ist schon eine Menge Erfolg für ein kleines Gestüt, das im Schnitt mit fünf Stuten züchtet und sich auf einen Spezialweg begeben hat. Auch bei der Projekt-Nurmi-Prüfung erreichten junge Pferde des Gestüts Heidekaten wiederholt Prämienränge.
Überraschend gut ist aus Schmidtleins Sicht die Bewertung des ersten Fohlenjahrgangs von Starway aus den Stuten des Gestüts. 7,9 ist der Durchschnitswert der Grundgangarten aller fünf Fohlen, obgleich deren Mütter hoch bis sehr hoch im Blut stehen. Freude und Stolz empfinden Schmidtleins besonders darüber, dass alle Fohlen zusätzlich äußerst gelassen und freundlich sind.
Unisono
Bei so viel Erfolg in der Zucht und der Grundausbildung bot es sich an, die Erfolgsmethode auch anderen zugänglich zu machen. Beate Schmidtlein hatte erkannt, dass es auf die Harmonie zwischen Pferd und Reiter ankommt und das Pferd niemals die Freude an viel Arbeit verlieren darf. Daher gründete sie ein Dienstleistungsunternehmen für die artgerechte Ausbildung und Korrektur von Reitpferden und ihren Reitern mit dem Namen UNISONO. Für den Reiter geht es dabei vorrangig um einen harmonischen Umgang mit dem Pferd während aller Arbeitsphasen zur Realisierung seiner Ziele. Das System der reiterlichen Hilfen sollte bereits geläufig sein.
Vermarktung
„Auch wenn man es geschafft hat, ein gutes Pferd für einen definierten Markt zu züchten, hat man es noch lange nicht verkauft“, das hat Dr. Hubertus Schmidtlein selbst erfahren. Nach einigen erfolglosen Versuchen, Vielseitigkeitspferde in einer Schau von Vielseitigkeitsremonten auf bedeutenden Vielseitigkeitsturnieren anzubieten und zu verkaufen, kam die Top Event Horse Auction von Elmar Lesch zu Hilfe. RAUMALPHA war der erste Auktiöner aus Heidekaten. Der neue Besitzer ließ ihn ein weiteres Jahr bei Elmar Lesch im Beritt – mit den bekannten Erfolgen des vergangenen Herbstes. Wer so klar an seiner züchterischen Vision festhält, hat natürlich jede Menge Zukunftswünsche: Noch mehr Publicity und Erfolg für das Projekt Nurmi e.V. und viele, möglichst starke Trakehner Kandidaten bei den künftigen „Top Eventers“, um zunehmend ausländische Kunden für die Trakehner Buschpferde zu gewinnen. Und natürlich das Glück, auch künftig selbst begabte Vielseitigkeitspferde zu züchten, gesund aufzuziehen, auszubilden und gut zu vermarkten. IE
Nähere Informationen finden Sie im Internet auf folgenden Seiten: www.gestuet-heidekaten.de, www.projekt-nurmi.de, www.unisono-pferd.de


